Melitta Walter: Jungen sind anders, Mädchen auch

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Melitta Walter: Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2005. 240 Seiten. ISBN 3-466-30689-2. 15,95 EUR.
Das Buch soll am 17.02.2005 erscheinen.
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Leseprobe

VORWORT
Den Blick schärfen: Sensibel
werden für die spannende Welt
der Geschlechterrollen

Wer immer dieses Buch aufschlägt, ist eine Frau oder ein Mann. Sonnenklar.
Weit weniger klar ist uns oft, wie sehr diese Tatsache uns dabei beeinflusst, wie wir dieses Buch lesen, was wir darin interessant finden, was uns ärgert, was uns amüsiert, welche Bücher wir überhaupt in die Hand nehmen. Wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns in ihr bewegen, hängt (neben anderen wichtigen Faktoren) ganz unmittelbar mit unserer eigenen Lebensgeschichte als Frau oder als Mann zusammen.
Das Verhältnis der Geschlechter hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ständig gewandelt. Konfliktstoff gibt es genügend, seit Jahrzehnten wird darüber berichtet. Es gibt radikale und eher traditionsbewusste Ansichten darüber, was sich verändern sollte oder auch nicht, Diskussionen über den Einfluss von Genen und Erziehung, Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Rolle Elternhaus, Kindergarten, Schule und Politik spielen sollten. Vernachlässigt wird in diesen Auseinandersetzungen, dass die Veränderung traditioneller Geschlechterrollen ein biographischer Entwicklungsprozess ist, der sich durch unser ganzes Leben zieht.

In der Politik ist die Rede von »Gender Mainstreaming«, in der Erziehung von »geschlechtergerechter Pädagogik« - Begriffe, die sehr abstrakt sind. Letztlich verweisen sie auf die praktische Umsetzung des simplen Grundgesetzauftrages: Unabhängig von ihrem Geschlecht sollen Menschen gleiche Entfaltungschancen bekommen. Ein Grund dafür, dass trotz vielfältiger Anstrengungen sich in den meisten Lebensbereichen die Chancengleichheit relativ wenig entwickelt hat, dass eher ein großer blinder Fleck blieb, lag sicher auch an mangelndem gesellschaftlichen Interesse. Erst langsam wächst das Verständnis: Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit. Frauen und Männer, Mädchen und Jungen befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen, und nur wer für diese einen geschärften Blick entwickelt, wird vermeiden, dass scheinbar neutrale Maßnahmen faktisch zu Benachteiligungen führen. (Einen knappen Überblick zum Thema Gender Mainstreaming - woher kommt der Begriff, was ist seine Geschichte? - finden Sie übrigens ab Seite 40.)
In den Jahrzehnten, die ich als Referentin, Autorin und Beraterin diesem Auftrag der Chancengleichheit verpflichtet bin, habe ich gelernt: Nur wenn wir verstehen, dass wir für uns als einzelne Frau, als einzelner Mann einen Vorteil aus Veränderungen ziehen, werden wir auch aktiv. Dieses Buch will verdeutlichen, dass die weitere Annäherung der Geschlechter bei jeder Frau und jedem Mann selbst beginnt, dass die Generationen der heutigen Großeltern, Eltern, Erziehenden und momentanen jungen Erwachsenen immer und überall entscheidende Vorbildfunktion für die derzeit nachwachsende Generation hat. Egal, ob mit oder ohne eigene Kinder, jede und jeder von uns kann mitwirken beim Prozess der Annäherung der Geschlechter.

Das eigene Erleben als Mann, als Frau ist der beste Ausgangspunkt, um den Blick für Geschlechterrealitäten zu schärfen. Denn nicht der theoretische Anspruch, sondern die vielen kleinen individuellen Geschichten aus dem wirklichen Leben öffnen uns die Augen für das, was unser Aufwachsen als Frau und Mann prägt. Sie werden beim Lesen die Erfahrung machen, dass eigene Kindheitserlebnisse wieder aufsteigen, und feststellen, dass bestimmte Erfahrungen nur von Ihrem eigenen Geschlecht geteilt werden. Die Lebenswelten von Mädchen und Jungen unterscheiden sich - früher wie heute - ebenso wie die von Männern und Frauen. Es gibt sozusagen geschlechts»typische« Gesetzmäßigkeiten. Wenn wir uns einzelne Aspekte des Alltags herausgreifen, wird es interessant und überschaubar. Wie weit gelingt es, uns in die Lebenswelten des anderen, aber auch des eigenen Geschlechtes hineinzufühlen? Können wir mit unseren vielfältigen Voreingenommenheiten dem anderen Geschlecht gegenüber einen Weg finden, der eine gemeinsame Weiterentwicklung ermöglicht? Sie können Ihrer Fantasie freien Lauf lassen, finden Anregungen, werden hören, was andere Frauen und Männer erinnern.
Kinder sind ein hervorragendes gesellschaftliches Stimmungsbarometer. Zu allen Lebensbereichen haben auch sie eine eigene Meinung, die widerspiegelt, wie sie uns erwachsene Frauen und Männer erleben. Deshalb enthält dieses Buch so viele Beispiele aus meinen Gesprächen mit Kindern und viele Anregungen, mit ihnen in ein Gespräch zu kommen. Da wir alle immer auch Vorbilder für die nachwachsende Generation sind, lasse ich Sie teilnehmen an den überraschenden Einsichten der derzeitigen Kindergeneration zur Geschlechterfrage. Und Sie werden viele Ideen finden für Alltagsprojekte, die für Geschlechtergerechtigkeit sensibilisieren. Dabei heißt geschlechtergerecht übrigens nicht geschlechtsneutral. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, die Bedürfnisse, die Vorteile und die Benachteiligungen von Jungen wie von Mädchen, von Männern wie von Frauen in vollem Bewusstsein der geschlechtlichen Identität zu berücksichtigen.

Erinnern Sie sich und Sie werden Ihre heutige Umwelt und die Frauen- und Männergestalten, in deren Umgebung Sie aufgewachsen sind, mit geschärftem Blick sehen können. Vielleicht bekommen Sie Lust, sich mit anderen Frauen oder Männern, mit anderen Frauen und Männern, mit Mädchen und Jungen auszutauschen. Wenn Sie der Inhalt dieses Buches überzeugt, werden Sie sich die Frage stellen: Was bin ich selbst bereit dazu beizutragen, dass sich beide Geschlechter - egal wie jung oder alt sie derzeit sind - gleich frei entfalten können? Und wie trägt mein alltägliches Verhalten in seiner Vorbildfunktion dazu bei?

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Autoreninfo

Melitta Walter

Melitta Walter
geb. 1949, Erzieherin, Sexualpädagogin und in den 80er-Jahren Bundesvorsitzende von Pro Familia, ist eine der bekanntesten Fachfrauen zum Thema Chancengleichheit der Geschlechter. Derzeit leitet sie die Fachberatung für »Geschlechtergerechte Pädagogik und Gewaltprävention« für die städtischen Kindertageseinrichtungen in München. Sie hält deutschlandweit zahlreiche Fort- und Weiterbildungen.
www.melittawalter.de

Logo: Girl's Day

Der nächste Girls' Day findet am 23. April 2015 statt. Weitere Informationen gibt es unter www.girls-day.de.
Parallel dazu gibt es den Jungen-Zukunftstag Boys' Day.

In der Datenbank Unterrichtsideen finden Sie vielfältige Materialien für eigene Aktionen.

Mädchen in Hessen

Die neue Online-Plattform, die vom Hessischen Sozialministerium herausgegeben wird, richtet sich an Rat suchende Mädchen und junge Frauen. Sie bietet einen Überblick über mädchenspezifische Treffs, Aktionen, Angebote, Einrichtungen und Hilfemöglichkeiten in Hessen.
www.maedchen-in-hessen.de

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Melitta Walter: Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2005. 240 Seiten. ISBN 978-3-466-30689-2. 15,95 EUR
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